Prag passt in ein Skizzenbuch: Meine Reise zum Prague Pleinair 2026

Am Sonntagmorgen, dem 21. Juni 2026, stieg ich gegen sieben Uhr in den Zug. Vor mir lagen etwa elf Stunden Fahrt, eine Woche Prag und mein erstes Prague Pleinair 2026.

Als meine Freundin und ich gegen 18 Uhr am Prager Bahnhof ankamen, waren wir müde, neugierig und voller Vorfreude. Unser Airbnb lag zwischen Bahnhof und Altstadt – wunderbar praktisch für alles, was wir in den nächsten Tagen vorhatten.

Der eigentliche Anlass unserer Reise war das internationale Aquarellfestival. Es sollte am Mittwochabend beginnen. Doch wir waren ganz bewusst schon einige Tage früher angereist.

Wir wollten Prag nicht nur zwischen Workshops und Programmpunkten erleben. Wir wollten Zeit haben, uns treiben zu lassen, genau hinzuschauen und unsere Skizzenbücher zu füllen.

Unser Plan für die ersten Tage: Wir wollten uns ganz bewusst in Prag verlaufen.

Drei Tage, um sich in Prag zu verlieren

Von Montagmorgen bis Mittwochabend waren wir fast ununterbrochen unterwegs. Wir liefen von früh bis spät durch die Stadt, überquerten große Plätze, entdeckten kleine Passagen und bogen immer wieder in Seitengassen ab – einfach, um zu schauen, wohin sie uns führen würden.

In Prag gibt es hinter jeder Ecke etwas Neues zu entdecken: eine besondere Hausfassade, eine alte Lampe, einen Innenhof, einen Turm, eine Skulptur oder einen Durchgang, den man beinahe übersehen hätte.

Jede Straße, jedes Gässchen und jedes Haus schienen eine eigene Geschichte bereitzuhalten.

Wir hatten keinen strengen Besichtigungsplan, den wir abarbeiten wollten. Natürlich gab es Orte, die wir sehen wollten. Dazwischen ließen wir uns jedoch bewusst treiben.

Manchmal gingen wir einen Umweg, weil eine Gasse besonders interessant aussah. Manchmal blieben wir stehen, weil das Licht auf einer Fassade schön war. Und manchmal setzten wir uns hin und holten das Skizzenbuch heraus.

So wurde Prag nicht zu einer Liste von Sehenswürdigkeiten, sondern zu einer Sammlung kleiner Entdeckungen.

Um vier Uhr morgens zur Karlsbrücke

Am Dienstag klingelte unser Wecker bereits um vier Uhr morgens. Unser Ziel war die Karlsbrücke.

Wer Prag kennt, weiß, wie voll es dort tagsüber werden kann. Wir wollten die Brücke erleben, bevor die Stadt richtig wach wurde. Also machten wir uns im frühen Morgen auf den Weg.

Diese ruhige Seite von Prag war wunderbar. Die Stadt fühlte sich plötzlich anders an: langsamer, weiter und beinahe ein wenig geheimnisvoll.

Noch waren nur wenige Menschen unterwegs. Wir konnten schauen, stehen bleiben und die besondere Atmosphäre aufnehmen, ohne sofort im Strom der Besucher:innen weitergeschoben zu werden.

Natürlich landete auch die Karlsbrücke in meinem Skizzenbuch. Nicht als vollständige, bis ins letzte Detail ausgearbeitete Ansicht, sondern als meine Erinnerung an diesen frühen Morgen.

Eine Skizze muss nicht alles zeigen. Manchmal reichen ein Ausschnitt, eine Linie oder eine Farbfläche, um später das ganze Erlebnis zurückzubringen.

Warum ein Skizzenbuch auf Reisen für mich viel mehr als nur ein Block mit Papier ist, erzähle ich auch in meinem Beitrag „Mit dem Skizzenbuch unterwegs: Warum Malen auf Reisen so wertvoll ist“.

Ein kopfüber hängendes Pferd und eine verschwundene halbe Stunde

Mitten in Prag entdeckten wir in einer Passage eine Skulptur von David Černý: ein kopfüber hängendes Pferd mit einem Reiter auf dem Bauch.

Dieses seltsame und überraschende Motiv musste ich einfach zeichnen.

Ich setzte mich hin, öffnete mein Skizzenbuch und begann. Irgendwann gab es nur noch das Pferd, meine Linien und das Papier.

Als ich fertig war, brauchte ich einen Moment, um wieder zu begreifen, wo ich eigentlich war. Es fühlte sich an, als würde ich aus einem tiefen Schlaf auftauchen.

Eine halbe Stunde war vergangen, ohne dass ich sie bemerkt hatte. Ich war so sehr mit dem Motiv beschäftigt gewesen, dass die Geräusche und die Menschen um mich herum für einen Moment verschwunden waren.

Solche Augenblicke erlebe ich beim Zeichnen immer wieder. Die Zeit verändert sich. Aus einem flüchtigen Blick wird genaues Hinsehen. Ich beschäftige mich eine Weile nur mit einer einzigen Sache und bin dadurch plötzlich vollkommen anwesend.

Ob die fertige Skizze anschließend besonders gelungen ist, spielt dabei erstaunlich oft nur eine Nebenrolle. Manchmal gefällt mir ein Bild sehr gut. Manchmal blättere ich später einfach weiter.

Was bleibt, ist die Zeit, die ich mit dem Motiv verbracht habe.

Seitdem gehört die Passage mit dem Pferd zu meinem Prag.

Prag im Skizzenbuch: Cafés, Begegnungen und ein Schwan

Viele meiner kleinen Prager Skizzen entstanden in Cafés. Ich setzte mich hin, bestellte einen Eiskaffee und zeichnete, was vor mir stand: das Glas, einen Löffel, das Licht auf dem Tisch oder einen Ausschnitt des Raumes.

Dabei bekommt man viel von seiner Umgebung mit. Man hört Gespräche am Nachbartisch, beobachtet das Kommen und Gehen – und manchmal entsteht ganz von selbst ein Gespräch.

Denn sobald man irgendwo zeichnet, bleibt fast immer jemand stehen.

Ein kleines Mädchen schaute mir minutenlang völlig ungeniert über die Schulter. Ältere Passant:innen blieben stehen, Tourist:innen wurden neugierig und andere erzählten von ihrem eigenen Skizzenbuch, das vielleicht schon seit Jahren unbenutzt in einer Schublade lag.

Ein Skizzenbuch kann Menschen miteinander ins Gespräch bringen, die sonst wahrscheinlich kein Wort gewechselt hätten.

Ein weiterer stiller Moment erwartete mich auf einer kleinen Insel in der Moldau. Ich saß dort und malte eine der Brücken, als direkt neben mir ein Schwan begann, sich ganz in Ruhe zu putzen.

Er hatte offenbar keine Angst vor mir. Ich bewegte mich kaum, denn ich schaute und zeichnete. So blieb er einfach da.

Einem Tier so nah zu kommen, ohne es anzulocken oder zu bedrängen, ist etwas Besonderes. Manchmal muss man dafür nur lange genug ruhig an einem Ort sitzen.

Warum ich zum Prague Pleinair 2026 wollte

In den vergangenen Jahren hatte ich bereits das Plein-Air-Festival in Kühlungsborn besucht. Dort hatte ich erlebt, wie inspirierend es sein kann, gemeinsam mit anderen Künstler:innen draußen zu malen.

Im Jahr zuvor hörte ich dann vom Prague Pleinair 2026, von der internationalen Atmosphäre und den vielen spannenden Dozent:innen. Das machte mich sofort neugierig.

Dazu kam, dass ich noch nie in Prag gewesen war, obwohl ich die Stadt schon lange besuchen wollte.

Die Kombination war einfach zu verlockend: eine neue Stadt, Aquarell, Plein-Air-Malen, Workshops und Menschen aus vielen verschiedenen Ländern.

Am Mittwochabend begann das Festival mit der Eröffnungsveranstaltung. Für mich war es das erste Prague Pleinair. Schon beim Ankommen war zu spüren, wie viel Freude und kreative Energie in dieser Gemeinschaft steckte.

Prague Pleinair 2026: Ein internationales Aquarellfestival voller guter Laune

Während der Tage vor dem Festival waren meine Freundin und ich meistens zu zweit durch Prag gezogen. Nun änderte sich die Atmosphäre.

Plötzlich waren da viele, viele Menschen mit Pinseln, Papier, Farben und Skizzenbüchern. Dazu kamen großartige Künstler:innen und Dozent:innen aus unterschiedlichen Ländern.

Die Stimmung war während des gesamten Festivals offen, ausgelassen und fröhlich.

Auch wenn viele Sprachen gesprochen wurden und die Teilnehmer:innen ganz unterschiedliche Erfahrungen mitbrachten, gab es sofort eine Verbindung: die gemeinsame Begeisterung für Aquarell und das Malen vor Ort.

Genau das mag ich an solchen Veranstaltungen. Man kommt vielleicht allein oder mit einer Freundin an. Doch schon nach kurzer Zeit ist man Teil einer großen kreativen Gemeinschaft.

Man schaut einander über die Schulter, kommt ins Gespräch, entdeckt neue Materialien und staunt darüber, wie unterschiedlich dasselbe Motiv gesehen und gemalt werden kann.

Drei Workshops, drei neue Blickwinkel

Während des Prague Pleinair 2026 besuchte ich drei Workshops. Am ersten Tag malte ich bei Rabi Alieva, am nächsten Tag bei Anna Kataian und am dritten Tag bei Julia Barminova.

Drei Tage, drei Künstlerinnen und drei sehr unterschiedliche Herangehensweisen.

Genau diese Vielfalt liebe ich. Ich möchte nicht nur eine einzige Methode kennenlernen und sie anschließend möglichst genau nachmachen.

Mich interessiert, wie verschiedene Künstler:innen ein Motiv betrachten. Wie beginnen sie ihr Bild? Welche Entscheidungen treffen sie? Und wie gehen sie mit Farbe, Wasser und den überraschenden Eigenheiten des Aquarells um?

Beobachten, lernen und neu kombinieren

Beim Zuschauen öffnen sich oft ganz neue Möglichkeiten. Plötzlich sieht man eine Lösung für etwas, an dem man selbst bisher gezögert hat. Oder man entdeckt einen Ansatz, den man allein gar nicht gewählt hätte.

Dabei geht es mir nicht darum, jede Arbeitsweise vollständig zu übernehmen. Ich sammle Eindrücke, probiere aus und schaue, was zu mir und meiner eigenen Malerei passt.

Die drei Workshops haben mir auf diese Weise sehr unterschiedliche Impulse gegeben. Sie haben mich daran erinnert, dass es im Aquarell nicht den einen richtigen Weg gibt.

Man darf beobachten, ausprobieren, verwerfen und neu kombinieren.

Aquarell malen in Prag: Kirchen, Wasser und Wellen

Natürlich blieb es nicht beim Zuschauen. Während des Festivals malte ich selbst unterschiedliche Prager Motive.

Kirchen boten sich mit ihren Türmen, Fassaden und architektonischen Formen überall an. Gleichzeitig wagte ich mich an etwas, das für mich neu war: Wasser mit sichtbaren Wellen zu malen.

Gerade bei einem Festival, umgeben von so vielen erfahrenen Aquarellkünstler:innen, könnte man versucht sein, nur das zu malen, was man bereits sicher beherrscht.

Schließlich schauen andere zu. Vielleicht beginnt man, sich zu vergleichen. Vielleicht möchte man ein möglichst gutes Ergebnis zeigen.

Doch genau dort etwas Neues auszuprobieren, war für mich besonders wertvoll.

Wasser bewegt sich. Es spiegelt, verändert seine Farbe und lässt sich nicht einfach mit einer festen Kontur einfangen. Wellen entstehen durch Licht, Schatten, Richtung und Rhythmus.

Das auf Papier zu übersetzen, war eine spannende Herausforderung.

Nicht alles muss sofort gelingen. Manchmal liegt der wichtigste Teil eines Bildes darin, dass man etwas zum ersten Mal versucht hat.

Ich habe aus Prag deshalb nicht nur fertige Aquarelle mitgebracht, sondern auch neue Fragen und die Lust, weiterzuforschen.

Mein schönster Moment beim Prague Pleinair 2026

Ein besonderer Höhepunkt war für mich das Night Pleinair auf dem Altstädter Ring.

Die Tage in Prag waren heiß gewesen. Am Abend wurde die Temperatur endlich angenehmer. Gleichzeitig veränderte sich mit der Dunkelheit die gesamte Wirkung der Stadt.

Gemeinsam bei Nacht zu zeichnen und zu malen, fühlte sich noch einmal ganz anders an als tagsüber. Formen traten deutlicher hervor, während andere Details in den Hintergrund verschwanden.

Die Stadt wirkte lebendig und zugleich konzentriert.

Um mich herum saßen Menschen mit ihren Skizzenbüchern und Aquarellkästen. Alle blickten auf denselben Platz. Trotzdem entstand auf jedem Papier ein anderes Prag.

Ein Mensch achtet zuerst auf die Architektur, der nächste auf das Licht. Jemand wählt einen großen Überblick, jemand anderes nur einen kleinen Ausschnitt.

Manche arbeiten kräftig und farbig. Andere reduzieren ihr Motiv auf wenige Linien.

Alle schauten auf denselben Platz – und doch malte jeder Mensch sein eigenes Prag.

Vielleicht war das Night Pleinair auch deshalb mein schönster Festivalmoment. Dort kam vieles zusammen: die besondere Stadt, die angenehmere Luft, das gemeinsame Zeichnen und das Gefühl, Teil einer internationalen Gemeinschaft zu sein.

Für mich zeigte das Prague Pleinair 2026 an diesem Abend besonders deutlich, wie inspirierend gemeinsames Malen sein kann.

Wenn die Aquarellfarbe auf einem T-Shirt landet

Nicht alle besonderen Erinnerungen einer solchen Reise entstehen auf Aquarellpapier.

Eine der lustigsten Begegnungen hatte ich mit Yoojin Miroa K.Roh, die ich sehr gerne mag. Während des Festivals bemalte ich ihr Shirt mit Aquarellfarbe.

Natürlich ist ein T-Shirt nicht unbedingt der klassische Untergrund für eine Aquarellmalerei. Vielleicht ist mir die Situation gerade deshalb so lebendig im Gedächtnis geblieben.

Solche ungeplanten Momente gehören für mich genauso zu einem Festival wie Workshops, Demonstrationen und gemeinsame Maltermine.

Sie zeigen, dass es nicht nur um Techniken und fertige Bilder geht. Es geht auch um Begegnungen, gemeinsames Lachen und Erinnerungen, die man nicht im Voraus organisieren kann.

Allein malen oder gemeinsam malen? Zum Glück beides

Während dieser Woche habe ich zwei sehr unterschiedliche Arten des Malens erlebt.

In den Tagen vor dem Festival war ich oft still mit meinem eigenen Motiv beschäftigt. Ich konnte mir Zeit lassen, lange beobachten und ganz in meiner Skizze verschwinden.

Beim Alleinmalen finde ich meinen eigenen Rhythmus. Ich kann mich intensiv auf eine Sache konzentrieren und alles um mich herum für einen Moment vergessen.

Beim gemeinsamen Plein-Air-Malen entsteht dagegen eine andere Energie.

Ich sehe, welche Motive andere auswählen. Ich beobachte ungewöhnliche Bildausschnitte, Farbentscheidungen und Techniken. Dadurch bekomme ich Inspirationen, auf die ich allein vielleicht nicht gekommen wäre.

Außerdem entstehen Gespräche, gemeinsames Staunen und neue Verbindungen.

Ich könnte nicht sagen, welche Form mir lieber ist.

Ich liebe es, allein zu malen. Und ich liebe es, gemeinsam mit anderen zu malen.

Beides schenkt mir etwas anderes. Allein finde ich Ruhe und Konzentration. In der Gruppe finde ich Austausch, Inspiration und neue Ideen.

Vielleicht braucht kreatives Arbeiten genau diese Abwechslung: Zeiten, in denen wir ganz bei uns sind, und Zeiten, in denen wir uns von anderen anstecken lassen.

Mehr darüber, warum sich ein Ort beim Zeichnen ganz anders anfühlt als auf einem schnellen Foto, liest du in meinem Beitrag „Urban Sketching und Plein Air – draußen malen, innen ankommen“.

Was von meiner Aquarellreise nach Prag bleibt

Am Sonntag, dem 28. Juni, stiegen wir wieder in den Zug und fuhren nach Hause.

In meinem Gepäck lagen leere Farbtöpfchen, viele Fotos und ein Skizzenbuch voller einzelner Augenblicke.

Von Prag ist keine vollständige Stadt darin gelandet. Dafür eine fast leere Karlsbrücke am frühen Morgen. Ein kopfüber hängendes Pferd. Lampen, Kirchen und kleine Entdeckungen.

Hinzu kamen ein Schwan an der Moldau, Wasser und Wellen, ein Platz voller zeichnender Menschen in der Nacht und sogar ein mit Aquarellfarbe bemaltes T-Shirt.

Vor allem habe ich viele Inspirationen mit nach Hause genommen.

Die drei Workshops haben mir neue Herangehensweisen gezeigt. Das gemeinsame Malen hat meinen Blick geöffnet. Gleichzeitig haben mich die stillen Stunden vor dem Festival daran erinnert, wie intensiv man einen Ort erleben kann, wenn man ihn nicht nur fotografiert, sondern eine Weile bleibt und zeichnet.

Das Prague Pleinair 2026 war deshalb nicht nur der Anlass meiner Reise. Das Festival hat mir auch neue Lust gemacht, mich im Aquarell wieder auszuprobieren.

Ich möchte nicht alles so machen, wie ich es bereits kenne. Ich möchte neugierig bleiben, andere Wege testen und mich an Motive wagen, bei denen ich noch nicht weiß, wie das fertige Bild aussehen wird.

Vielleicht passt eine ganze Stadt nicht vollständig in ein Skizzenbuch. Aber manchmal passen genau die richtigen Momente hinein.


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